Patrick Steinmann

Gewässerbiologe, Stein am Rhein

Gewässerbiologie

Moostierchen

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In der Schweiz, Deutschland und Österreich nachgewiesene Bryozoen:

Cristatella mucedo
Fredericella sultana
Lophopus cristallinus
Pectinatella magnifica
Palucidella articulata
Hyalinella punctata
Plumatella casmiata
Plumatella emarginata
Plumatella fructicosa
Plumatella fungosa
Plumatella repens


Die Moostierchen stellen einen eigenen Stamm im Tierreich, der bei den "wurmartigen" Tierstämmen angesiedelt ist. Sie umfassen etwa 4800 Arten, die meisten sind im Meer zu hause. Alle Moostierchen bilden Kolonien aus vielen Einzeltieren (Zooiden), die an der Basis alle miteinander verbunden sind. Jedes Tierchen sitzt in einer Kammer, in die es sich bei Gefahr zurückziehen kann. Während der übrigen Zeit streckt es seine Tentakelkrone ins Wasser, die wie ein Rechen kleine Partikel ausfiltert, von denen sich jedes Einzeltier selbständig ernährt.

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Süsswasser-Moostierchenkolonie (Cristatella mucedo) auf einem
Laichkrautstängel (Grösse der Kolonie: ca 1.5cm).

Hundskoralle (Myriapora truncata) eine marine Bryozoe im Mittelmeer (5 cm).
Die marinen Bryozoen bilden oft filigrane korallenartige Kalkskelette.

Schema eines Moostier-Zooids (Zeichnung Prof. P. Tardent, Uni Zürich)

Moostierchen besitzen keine Nesselzellen in ihren Tentakeln, sie fangen ihre Nahrung rein mechanisch. Auf den Tentaklen sitzen winzige Zilien (Flimmerhärchen), welche die Nahrung (einzellige Algen und organische Feinpartikel) zur Mundöffnung transportieren. Der Name "Moostierchen" kommt vom pelzigen aussehen der Kolonien. Die vielen dicht zusammenstehenden Tentakelkronen erinnen tatsächlich an Moospölsterchen. Moostierchen findet man im Sommer vor allem auf der Unterseite von Schwimmpontons, an Ankerketten, an überhängenden Felsen und manchmal auch an Wasserpflanzen vom Ufer bis ca. 10 m Tiefe. Es wurden schon Süsswasser-Moostieren in 80m Tiefe gefunden.

Neuderdings machen die Süsswasser-Moostierchen Schlagzeilen, weil sie als Zwischenwirt für einen potenziell gefährlichen Forellenparasiten, dem Erreger der proliferativen Nierenkrankheit (PKD) identifiziert wurden.

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value Bryozoenkolonien an einem verloren gegangenen Fischnetz. Ins Wasser hängende Baumwurzeln, Seile, Ketten oder sonstige dünne Gegenstände werden ab Mitte Juli oft massenhaft von Moostierchen besiedelt.
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Kolonien von Cristatella mucedo an einem Schwimmponton im Zürichsee. Die bürstenförmigen Kolonien lösen sich leicht von der Unterlage und werden an neue Orte verdriftet. Die ganze Kolonie kann sich auch selber langsam kriechend auf der Unterlage fortbewegen.
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Tentakelkrone eines Zooids von Plumatella sp.
Natürliche Grösse ca 1 mm. Ein einzelner Zooid
lebt ca. 4 bis 4 Wochen.
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Die winzigen Tentakelkronen (0.5 mm) von Fredericella sultana sind rundlich, die der anderen Süsswasserbryozoen eher länglich oder hufeisenförmig.

Fortpflanzung
Bryozoen sind Zwitter, jedes Zooid hat also männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Die sexuelle Fortpflanzung findet im Sommer statt. Nach der Befruchtung bildet sich in den Zooiden je ein Embryo, der das Tier als frei schwimmende Larve verlässt und sich auf geeignetem Substrat festsetzt und zu einem Zooid heranwächst.

Eine Kolonie entsteht dann durch Knospung von Tochterzooiden aus dem Muttertier, ähnlich wie bei den Korallen. Die Kolonien sind also Klone, die alle vom selben Mutteriter abstammen.



Kolonie von Plumatella sp. Die einzelnen Zooiden sind vegetativ durch Knospung entstanden. Sie bleiben zeitlebens an der Basis miteinander verbunden.

Dauerstadien (Statoblasten)
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Im Herbst sterben die Kolonien der meisten Süsswasserbryozoen ab und übrig bleiben die ca.
0.2 bis 0.5mm grossen, gelblich- schwarzen Statoblasten.
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Statoblasten von Cristatella mucedo, in denen die Anlagen für ein neues Tier den Winter überdauern. Im Frühling entsteht aus jeder Statoblaste ein neues Eizeltier.

Foto: Zoologisches Museum der Uni Zürich.
Es gibt verschiedene Typen von Statoblasten:

Mit "Schwimmring" (Bild links): Diese Statoblasten werden im Innern der lebenden Zooiden gebildet und werden nach deren Absterben freigesetzt. Man findet sie dann oft im freien Wasser oder an der Wasseroberfläche treibend. Manchmal sind diese Statoblasten mit kleinen Widerhaken versehen, mit denen sie sich an neuen Substraten verankern können.

Ohne "Schwimmring": Diese Statoblasten verbleiben nach dem Absterben des Zooids in der Cystidkapsel und wachsen im nächsten Jahr am selben Ort wieder aus, an dem das Muttertier stand.

Ausser den Dauer-Statoblasten, die den Winter überdauern gibt es auch noch Subitan-Statoblasten, die sofort nach dem Tod des Muttertiers auswachsen, ohne eine Ruhepause einzulegen.
Einige Moostierarten in unseren Gewässern:

Fredericella sultana:


Die Tentakelkrone von Fredericella ist rund, nicht bilateralsymmetrisch wie bei den meisten anderen Bryozoen. Fredericella lebt of zusammen mit Süsswasserschwämmen an Stegpfeilern und Pontons.

Fredericella-Kolonie an einem Pfeiler. Die dünnen Ästchen werden knapp 2 cm lang und haben ein charakteristisches Verzweigungssystem. An jedem Ende eines Ästchens sitzt ein Einzeltier,
Fredericella sultana ist wahrscheinlich die häufigste Bryozoe in Schweizer Seen. Sie ist aber leicht zu übersehen oder bei flüchtigem Hinsehen mit Algenbüscheln zu verwechseln. Sie wächst auch im Winter und bildet KEINE Statoblasten. Im Vierwaldstättersee wurde F. sultana bis in 80m Tiefe nachgewiesen (Asper, 1880).
Plumatella sp.

Diese Kolonien wachsen von Mitte Mai bis Ende September auf Holzstücken, Seerosenstielen oder an der Unterseite von aufliegenden Steinen in Tümpeln und Weihern. Sie bilden ziemlich solide braune oder weissliche chitiöse Gehäuse. Sie wachsen krustenartig oder geweihförmig der Unterlage entlang. Ihre winzigen Statoblasten sind länglich/oval und haben keine Widerhaken.


Pectinatella magnifica

Beide Bilder aus dem Internet, Autoren unbekannt. Bei Einwänden gegen diese Verwendung bitte melden!
Das schwammartige Moostierchen Pectinatella magnifica stammt aus Nordamerika und wurde bereits Ende 1800 in der Gegend von Hamburg nachgewiesen. Neuerdings mehren sich Funde in Frankreich und Deutschland. In der Schweiz ist mir bisher ein Fund bekannt. Die Kolonien leben in seichten warmen Tümpeln, oft hängen sie an freigespülten Bauwurzeln. Die Kolonien können aber auch frei im Wasser treiben. Allfällige Fundmeldungen von Pectinatella magnifica interessieren mich sehr!

Quellen:

Kraepelin, K., Die deutschen Süsswasser-Bryozoen. Eine Monographie. Teil l 1882, Teil ll 1887.

Troyer - Mildner J., Rote Liste der Moostierchen Kärntens, Naturschutz in Kärnten 15: 631-631, 1999.