Patrick Steinmann

Gewässerbiologe, Stein am Rhein

Gewässerbiologie

Mollusken


Zu den Mollusken gehören alle Muscheln, Schnecken und Tintenfische. Die letzteren kommen nur im Meer vor. Im folgenden werden einige Muscheln und Schnecken aus dem Süsswasser vorgestellt.

Muscheln (Bivalvia)

Alle Muscheln besitzen eine zweiklappige Schale, die am Schloss durch ein ledriges Scharnier miteinander verbunden sind. Muscheln sind Filtrierer. Sie strecken am Hinterende zwei kurze, schlauchförmige Siphons aus. Durch die untere dieser Röhren wird Wasser eingesaugt und im Kiemendarm der Muschel nach Nahrungspartikeln durchsiebt. Durch den zweiten Siphon wird das Wasser wieder herausgepresst. Der Wasserstrom fliesst konstant durch die Muschel und wird durch feine Wimpern im Innern der Muscheln angetrieben.

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Die meisten Muschelarten sind getrennt geschlechtlich, es gibt aber auch einige zwittrige Arten. Bei den Muscheln findet keine Paarung statt. Die Männchen mischen ihre Spermien einfach dem ausströmenden Wasser bei. Die Weibchen nehmen die Spermien mit dem eingesogenen Wasser auf. Im Innern der weiblichen Muschel werden die Eier befruchtet. Bei der Wandermuschel werden jedoch auch die Eier ins Wasser entlassen und die Befruchtung findet im freien Wasser statt. Bei den Teich- und Flussmuscheln entwickeln sich aus den befruchteten Eiern im Weibchen winzige Larven (Glochidien), die nun von der Muschel ausgestossen werden.

Die Glochidien müssen sich nun bei einem Fisch an die Flossen (Anodonta) oder an die Kiemen (Unio) heften können. Teich-, Flussmuscheln benötigen bestimmte Wirtsfischarten, sonst klappt es mit der Fortpflanzung nicht. Deshalb braucht es einen standortgemässen Fischbestand. Finden die Glochidien keinen geeigneten Wirtsfisch, so gehen sie inerhalb kurzer Zeit zu Grunde. Wenn sich eine Glochidie in einer Fischkieme festgeheftet hat, wird sie vom Kiemengewebe eingekapselt. Die Glochidien schaden dem Fisch nicht, sofern kein Massenbefall zu Einschränkungen der Kiemenfunktion führt. Der Fisch kann die Muschellarven über weite Strecken transportieren und unterstützt dadurch die Verbreitung der Muscheln. Nach ein paar Wochen fallen die Glochidien ab und sinken zu Boden, wo sie sich zu jungen Muscheln weiterentwickeln. Eine grosse Teichmuschel kann bis zu 400'000 Glochidien produzieren.

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Tote Jungforelle mit Glochidien an den Kiemen.
(Der Kiemendeckel wurde wegpräpariert)

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Nahaufnahme von eingekapselten
Glochidien in einer Forellenkieme

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Freie Glochidien der gemeinen Flussmuschel (Unio crassus), die noch keine Fischkieme gefunden haben.

Schnecken (Gastropoda)

Schnecken in unseren Gewässern haben alle ein Gehäuse, es gibt keine Süsswasser- Nacktschnecken. Alle Süsswasserschnecken sind Vegetarier. Mit ihrer feilenartigen Zunge raspeln sie Pflanzenteile oder Algenbeläge ab. Auch bei den Schnecken gibt es sowohl getrennt geschlechtliche als auch zwittrige Arten. Ausser der Sumpfdeckelschnecke, die lebendgebärend ist, legen alle Schneckenarten gallertige Eipakete, die im Sommer häufig an Wasserpflanzen oder an Steinen zu finden sind.

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Frasspur einer Schnecke auf einer Aquarienscheibe
(Foto: Zoolog. Museum der Uni Zürich)

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Schneckenlaich an einer Aquarienscheibe


Welche Molluskenarten leben in unseren Gewässern?

Im folgenden ein paar Bilder und Bemerkungen zu den wichtigsten Mollusken in schweizer Gewässern. Dies ist bei weitem keine vollständige Artenliste, sondern nur eine kleine Orientierungshilfe.

Teichmuschel (Anodonta cygnaea)
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Bis 20 cm gross, bauchig, Schloss ohne Zähne, Schaledünnwandig, Schaleninnenseite mit Perlmutterglanz. Auf Schlickböden bis in ca 12m Tiefe, am häufigsten in 2-6m Tiefe. Im Winter oft vollständig eingegraben.

Auf der Schale sind dunkle, konzentrische Jahrringe zu sehen.

Weitere Arten der Gattung:
- Anodonta anatina

Malermuschel (Unio pictorum)
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Bis 11cm gross. Schmale, gelbliche Schale. Schale dickwandig, mit Zähnen am Schloss, Schaleninnenseite matt weiss (wie bei allen Unio-Arten). Lebt auf sandigen / kiesigen Böden, manchmal Massenansammlungen auf Sandhügeln in 1-3m Tiefe.

Die Schalen wurden früher von Kunstmalern benutzt, um darin Farben zu mischen, daher der Name.

Gemeine Flussmuschel (Unio crassus)
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Rundliche, dunkle und sehr dickwandige Schale. 4 bis 6cm gross. Früher häufig in Wiesenbächen und Gräben, Flüssen und oligotrophen Seen. Heute selten (im Kt. Zürich z.B. nur noch 2 Vorkommen, lokale Population im Vierwaldstättersee, weitab von Zu- und Abflüssen.)

Aufgeblasene Flussmuschel (Unio tumidus)
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Ähnlich wie U. crassus, aber grösser (bis 9cm) und Schloss deutlich blasenförmig aufgequollen. Lebt in langsam fliessenden Flüssen und Seemündungen. Z.B. in der Aare stellenweise recht häufig. Die Muschel wurde in den Greifensee eingeschleppt und hat sich dort stark vermehrt.


Weitere Arten der Gattung:
- Unio mancus (im Tessin und im Doubs, eher mediterrane Art)

Erbsenmuschel (Pisidium sp.)
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Ca. 20 Arten in Mitteleuropa. Alle unter 1 cm gross. Schale ungleichseitig, Vorderende kürzer als Hinterende. In Seen, Flüssen und Tümpeln überall sehr häufig. Meistens vollständig in feinem Schlick eingegraben. Das Tier auf dem Bild streckt seinen fleischigen Fuss aus der Schale. Damit graben sich Muscheln durchs Sediment.

Körbchenmuschel (Corbicula fluminea)
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Schale dick, gelb oder ockerfarben, stark gerippt, bis 2.5 cm gross. Eventuell kommen zwei verschiedene Arten vor. Wurde um 1980 im Ballastwasser grosser Frachtschiffe aus Asien nach Europa eingeschleppt und wandert seither die Flüsse aufwärts. 1995 wurde sie zum ersten Mal im Rhein bei Basel gefunden. Im Neuenburgersee kommt die Muschel bereits massenhaft vor. Wird sich in nächster Zeit wahrscheinlich in verschiedenen Gewässern ausbreiten, ähnlich wie dies bei der Wandermuschel in den siebziger Jahren der Fall war.

Wandermuschel (Dreissena polymorpha)
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Bis 3 cm grosse, dreikantige dunkle Schale mit hellem Zackenmuster. Unverkennbar! Bildet oft Massenbestände auf Steinen oder Holz. Heftet sich mit seidigen Byssusfäden an die Unterlage.






Wurde in den 70er Jahren aus Osteuropa eingeschleppt, hat sich sehr stark vermehrt. Bestände seit einigen Jahren wieder leicht rückläufig oder zumindest stabil. Viele Wasservögel ernähren sich von Dreissena. Die Ausbreitung dieser Muschel hat zu Veränderungen der Wasservogelbestände geführt.









Dichte Bestände von Dreissena können einen deutlichen Einfluss auf die Wassertrübung haben. Durch ihre permanente Filtertätigkeit binden sie grosse Mengen an Schwebeteilchen und das Wasser wird klarer.


Funde von Muscheln (auch leere Schalen) können an Dr. H. Vicentini gemeldet werden. Herr Vicentini ist Gewässerbiologe und sammelt Daten von Muschelvorkommen in der Schweiz.


Flussnapfschnecke (Ancylus fluviatilis)
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3-7mm grosses, häubchenartiges Gehäuse mit schräger Spitze. Auf der Unterseite von Steinen. In Fliessgewässern häufig, manchmal auch in Seen anzutreffen.

In stehenden Gewässern kommt die Teichnapfschnecke (Acroloxus lacustris) vor. Diese ist schmaler und das Gehäuse ist dünner als bei Ancylus fluviatilis. Eine weitere Art (Ferrissia wauteri) sieht Acrocolxus recht ähnlich, die Spitze des Gehäuses ist aber nach rechts gebogen, während sie bei Acroloxus nach links weist.

Spitzschlammschnecke (Lymnaea stagnalis)
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Häufig in pflanzereichen. seichten Gewässern (Tümpel). Spitzes, dunkles (manchmal gelbes) Gehäuse, bis 5 cm grosss.

Weitere Arten der Gattung:
- Lymnaea palustris
- Lymnaea truncatula
- Lymnaea glabra

In neueren Büchern heissen diese Arten anders und werden verschiedenen Gattungen zugeordnet:

- Stagnicola palustris
- Galba truncatula
- Omphiscola glabra


Ohrschlammschnecke (Radix auricularia)
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"Ohrenartig" verbreiterte Fühler. Gehäuse dünnwandig und durchscheinend, bis 3 cm gross. Das bronzefarbene Leopardenmuster auf der Haut der Schnecke scheint durch das Gehäuse hindurch. Häufig in Seen auf schlammigen Böden.

Weitere Arten der Gattung:
- Radix balthica
- Radix labiata

Die Arten der Gattung Radix bilden viele lokale Formen.

Blasenschnecke (Physa fontinalis)
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Kleine, bis 1 cm grosse Schnecke. Häufig auf Wasserpflanzen und veralgten Steinen. Kriecht recht schnell umher. Lungenschnecke, Gehäuse links gewunden.

Weitere ähnliche Art:

Physella acuta: Gehäuse spitz (bei P. fontinalis stumpf)


Schnauzenschnecke (Bithynia tentaculata)
Bis 1.5 cm grosses, spitzes Gehäuse. Honiggelb/rötlich, manchmal gefleckt. Häufig auf Armleuchteralgen, oft in grossen Massen.

Schnauzenschnecke (Bithynia leachi)
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Kleine Schnauzenschnecke (bis 7mm). Gehäusewindungen stärker abgesetzt als bei B. tentaculata.

Sumpfdeckelschnecke (Viviparus ater)
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2-4 cm gross, oliv-braun gebändertes Gehäuse mit hornigem Deckel. Lebt auf schlammigen Böden, häufig in stark eutrophiertem Wasser. Getrennt geschlechtlich: Männchen am verdickten rechten Fühler erkennbar. Weibchen sind lebendgebärend.

Weitere Arten der Gattung:
- Viviparus contectus
- Viviparus viviparus (Süddeutschland)




"Schwangeres" Weibchen (Röntgenaufnahme)

Bild: Prof . G. Ribi, Uni Zürich

Tellerschnecke (Gyraulus laevis)
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Kleine rötliche, dünnschalige Schnecken, bis 7 mm gross. Leben auf der Unterseite von Steinen und Holz. Mehrere Arten, darunter auch aus Amerika eingeschleppte Spezies (G. parvus).

Weitere Gattungen von Tellerschnecken:

Planorbis (P. carinatus und P. planorbis)
Anisus (mehrere Arten)
Hippeutis (H. complanatus)
Bathyomphalus (B. contortus)


Posthornschnecke (Planorbarius corneus)
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Schöne, dunkle Schnecke. Bis 4 cm gross. In Tümpeln und flachen, warmen Seeufern. Nicht häufig. Oft auch pigmentarme Mutanten, bei denen der rote Farbstoff Hämoglobin durch die Haut des Tiers durchscheint.

Neuseeland - Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum)
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Eine kleine Schnecke (max 3mm) mit spitzem, stark gewundenem Gehäuse. Stammt ursprünglich aus Neuseeland.
In den 1980er Jahren Massenvermehrungen (bis über 100'000 Stck/m2: Ribi G. & Arter H, 1986). Seither wieder rückläufige Bestände, die Art ist aber immer noch häufig und weit verbreitet.