Patrick Steinmann

Gewässerbiologe, Stein am Rhein

Gewässerbiologie

Wasserpflanzen


Die meisten höheren Pflanzen in unseren Seen gehören zu den Laichkrautgewächsen (Potamogetonaceae) und haben mit "Seegras" oder Algen nichts zu tun. Im Gegensatz zu den Landpflanzen besitzen Wasserpflanzen kein festes Stützgewebe, wenn man sie aus dem Wasser nimmt, liegen sie schlaff da. Im Wasser stehen sie aber aufrecht und machen die Wasserbewegungen geschmeidig mit, ohne zu brechen. Ihre Stängel sind sehr zäh und elastisch. Wasserpflanzen brauchen keinen Verdunstungsschutz wie die Landpflanzen, ihre Blätter sind daher sehr weich und dünn. Dies ermöglicht eine intensive Nährstoffaufnahme direkt aus dem Wasser über die Blätter. Die Wurzeln dienen in erster Linie der Verankerung im Boden und nicht der Wasser- und Nährstoffaufnahme. Abgerissene Pflanzenteile können wochen- oder monatelang im Wasser treibend weiterleben und wachsen. Auf diese Weise können sie auch neue Gebiete besiedeln.

Eine reich strukturierter Pflanzenzone an einem flachen Seeufer
ist ein äusserst wertvoller und vielfältiger Lebensraum.

Mit zunehmender Wassertiefe im See nimmt die Lichtmenge rasch ab. Dies führt zu einer Zonierung der Pflanzenbestände am Ufer, bei der die lichthungrigsten Pflanzen an den seichtesten Stellen wachsen und weiter unten immer genügsamere Arten auftreten. An einem natürlichen, flachen See- oder Teichufer finden wir in der Regel die folgende Pflanzenzonierung:


Schwimmblattzone

In der Schwimmblattzone wachsen See- und Teichrosen, das schwimmende Laichkraut, Sumpfknöterich und weitere Pflanzen, die ihre Blätter an der Wasseroberfläche ausbreiten. Diese Pflanzengruppe trifft man vorwiegend an Tümpeln und kleinen, seichten Seen an.

Idealerweise bildet die Schwimmblattzone einen Gürtel vor einer dichten Röhrichtzone (Schilf, Seebinsen). Die Röhricht- und die Schwimmblattzone fehlen heute an vielen grösseren Gewässern infolge harter Uferverbauungen.

Die Schilf- und die Schwimmblattzone sind meistens schlecht zugänglich und sollten im Sommer auch nicht betreten werden (Störung brütender Wasservögel, zertrampeln von Pflanzen).

Krebsschere, Wassersäge, Wasseraloe - Stratiotes aloides

Bildet über Rhizome viele Ableger. Rhizome nicht im Boden verankert. Kann ganz untergetaucht oder an der Oberfläche wachsen,

Bei untergetauchten Exemplaren sind die Blätter rötlch / braun gefärbt und weich. Wenn die Pflanze an der Wasseroberfläche wächst, sind die Blätter hellgrün und steif. Der Blattrand ist gezähnt. Bildet dichte schwimmende Inseln

Froschbiss - Hydrocharis morsus-ranae

Sieht aus wie eine Miniatur-Seerose, die Blätter werden nicht grösser als 3 - 4 cm. Blätter wachsen sternförmig von einem Zentrum aus. Bildet Ableger. In Tümpeln und an seichten Ufern, oft zwischen lockeren Schilfbeständen. Selten!

Wasserlinse - Lemna sp.

Kleine, 3 - 4 mm grosse Blättchen. Schwimmt an der Oberfläche, nicht verwurzelt. Kann bei starker vegetativer Vermehrung die Wasseroberfläche manchmal vollständig bedecken.

Sumpfknöterich - Polygonum amphibium

Kann auf dem Wasser schwimmend oder am Ufer stehend wachsen. Stark verzweigte Stängel, Blätter bilden fast geschlossene Teppiche auf dem Wasser. Rosa Blütenstände über dem Wasser. Kann durch starkes Wachstum zu schneller Verlandung von Tümpeln und flachen Uferzonen beitragen.

Gelbe Teichrose - Nuphar lutea

Blätter nicht rund wie bei der weisse Seerose, sondern oval. Die gelben Blüten ragen 10-30 cm über die Wasseroberfläche. Gedeiht auch an schattigen Stellen und in Häfen.

Tannenwedel - Hippuris vulgaris

Ein Wegerichgewächs, das sowohl unter Wasser wie auch an Land in der feuchten Uferzone wächst. Die Wasserform ist buschiger und weicher als die Landform. Wächst in nährstoffarmen, kühlen Seen und langsam fliessenden Bächen.


Laichkrautzone


Diese Zone in 2-5m Tiefe ist für Taucher und Schnorchler die interessanteste. Die Blätter dieser Pflanzen wachsen unter Wasser, nur die Blüten ragen über die Wasseroberfläche hinaus. In den dichten Laichkrautwäldern kann man im Sommer scharenweise Jungfische, alle möglichen Wirbellosen und oft auch lauernde Hechte beobachten. Es braucht dazu etwas Ruhe und Geduld. Ich verbringe den Sicherheitsstopp nach einem Tauchgang sehr gerne in dieser Zone. Ich verharre dann möglichst regungslos an einer Stelle und schaue, was da alles im Dickicht kreucht und fleucht. Aus den obligatorischen 5 min Sicherheitsstop werden dann schnell mal ein paar mehr, was ja auch nicht schadet. Im folgenden ein paar Bilder der auffälligsten Wasserpflanzen. Die Angaben beziehen sich auf Beobachtungen im Zürichsee und anderen Schweizer Mittelland- und Voralpenseen.

Auf den Blättern der Laichkräuter findet man Schnecken, Insektenlarven, Hydren und Wassermilben oft in grosser Zahl. Einige Fischarten legen ihren Laich gerne auf diese Pflanzen ab.

Detailaufnahme eines Jungtriebes. Die rundlichen / ovalen Blätter umschliessen den bis zu 5m langen Stängel

Glänzendes Laichkraut - Potamogeton lucens. Die grösste Laichkrautart in unseren Gewässern. Bis zu 30cm lange, lanzettförmige, grün-rot glänzende Blätter. Wird bis 6m lang.

Durchwachsenes Laichkraut - Potamogeton perfoliatus. Bildet dichte Unterwasserwälder. Flussbarsche (Egli) mit ihrem Streifenmuster sind in perfoliatus-Beständen hervorragend getarnt (Bild oben). Im Bild links ein Egli-Laichband an einer Jungpflanze.

Blütenstand von P. perfoliatus. Normalerweise ragen die Blütenstände knapp über die Wasseroberfläche. Der Pollen fällt ins Wasser und treibt auf der Oberfläche zur nächsten Blüte. Bei Hochwasser sind die Blüten zeitweise untergetaucht.

Laichkräuter bilden oft Kreuzungen zwischen verschiedenen Arten. Im Bild oben könne es sich aufgrund der Blattform um eine Kreuzung P. lucens X P. perfoliatus handeln.

Krauses Laichkraut - Potamogeton crispus. Gewellte, schmale Blätter. Bildet lockere Bestände, oft auch als Einzelpflanze zwischen anderen Laichkrautarten. Gern an warmen, tümpelartigen Stellen in Ufernähe. Wird selten höher als 1.5m.

Kammförmiges Laichkraut - Potamogeton pectinatus. Diese und mehrere ähnliche Laichkrautarten bilden die typischen Unterwasserwiesen in ca 1-3m Tiefe. Die dünnen, langen Blätter haben zu dem irreführenden Populärnamen "Seegras" geführt.


Laichkrautbestände, vor allem die dünnen, fädigen Formen sind die Kinderstube für viele Fischarten. Hier finden sie Futter und Versteck vor grossen Räubern.

Blütenstand mit Samen eines fädigen Laichkrauts. Laichkräuter sind einjährig, im Herbst verschwinden die Unterwasserwälder.

Foto: H. Maag, Uni Zürich

Blühendes Alpenlaichkraut (Potamogeton alpinus). Einige Blütenstände haben die Wasseroberfläche bereits durchstossen.

Lichtdurchfluteter Wald aus Alpenlaichkraut in einem klaren Bergsee.

groenlandia Fischkraut - Groenlandia densa

Die gegenständigen Blätter unterscheiden Groenlandia von den Potamogeton-Arten.

in den neuziger Jahren traf ich diese Pflanze in Schweizer Mittelland- und Alpenrandseen (wie hier im Zürcher Obersee) nur sehr selten und nur in einzelnen Exemplaren an. Seit ein paar Jahren scheint die Pflanze aber häufiger aufzutreten.

Tausendblatt - Myriophyllum sp. Ähnlicher Lebensraum wie P. crispus. Fein gefiederte Blätter. Steht in Büscheln oder in Gruppen im seichten Wasser.

Hornblatt - Ceratophyllum sp. Auf den ersten Blick ähnlich wie das Tausendblatt, lebt auch im gleichen Lebensraum wie dieses. Blätter aber dunkler, weniger stark gefiedert, viel härter und am Rand fein gezähnt. Nicht häufig.

Wasserfeder - Hottonia palustris. Recht seltene, hellgrüne Wasserpflanze. In Tümpeln und an seichten Seeufern. Kann lokal dichte Polster bilden, die bis in den Sumpfbereich am Ufer hinauf wachsen.

Wasserschlauch - Utricularia sp. Fleischfressende Wasserpflanze. Auf den ersten Blick ähnlich wie das Tausendblatt, aber nicht verwurzelt, sondern frei schwimmend.

utricularia

In den Blattachseln befinden sich die 1-2mm grossen Fangkapseln, die ihre Beute (Wasserflöhe etc.) mittels Unterdruck in die einsaugen, sobald die Auslöserborsten der Kapseln berührt werden.


Grasblättriger Froschlöffel - Alisma gramineum. Nicht häufige, meist freistehende Pflanze. Unverwechselbar. Wächst an sandigen/ kiesigen Stellen.

Über 1m hoher untergetauchter Blütenstand von Alisma gramineum. A. gramineum kann auch am Land wachsen, sieht dann jedoch ganz anders aus als die hier gezeigte Wasserform.

Gewöhnlicher Froschlöffel - Alisma plantago-aquatica

Eine weitere Froschlöffel-Art, die am Ufer wächst. Zeitweise kann die Pflanze auch untergetaucht sein. Sie macht aber keine Wasserform und ist eher eine Sumpfpflanze, die nur mit den Wurzeln im Wasser steht.


Ganz untergetauchte Pflanzen


Diese Pflanzen blühen auch unter Wasser. Kein Teil der Pflanze erreicht im Normalfall je die Oberfläche.

Flutender Hahnenfuss - Ranunculus fluitans.
Mehrere Meter lange riemenartige Büschel, in eutrophen Fliessgewässern häufig. Bestandbildend: kann ganze Flussabschnitte dicht bewachsen.

Quellmoos - Fontinalis antipyretica. Die einzige vollaquatische Moosart bei uns bildet dichte, dunkelgrüne Polster. Meist in kalten, fliessenden Gewässern anzutreffen, oder in nährstoffarmen Seen. Wurde früher als fiebersenkende Arznei verwendet.

Die Blätter des Nixenkrauts sind dunkelgrün, hart und gezackt. Im Spätsommer findet man in den Blattachseln 2-3mm grosse, nussartige Samen.

Wasserpest - Elodea nutalli. Aus der Gattung Elodea leben drei Arten bei uns. Nutalli's Wasserpest gilt als Problempflanze, die sich bei uns durch vegetative Vermehrung stark ausgebreitet hat und an manchen Stellen anderen Pflanzen den Lebensraum streitig macht. Sie bildet dichte Polster in 3-8m Tiefe.

Sternarmleuchteralge - Nitellopsis obtusa. Eine weitere Art aus der Familie der Armleuchteralgen.


In den weiblichen Organen bilden sich die Sporen, aus denen im folgenden Jahr wiederum eine neue vegetative Generation (die typischen, sichtbaren Armleuchteralgen) heranwachsen.

Grosses Nixenkraut - Najas marina. Warum diese Art "marina" heisst ist mir nicht ganz klar, es ist eine reine Süsswasserpflanze. Sie wächst in Tiefen ab 2-3m und bildet in 4-7m dichte strauchförmige Bestände.

Im Bodensee und in einigen Innerschweizer Seen lebt die ähnliche, aber kleinere Art Najas intermedia.

Armleuchteralge - Chara sp. Dem Aussehen nach könnte man diese Pflanze leicht für eine Blütenpflanze halten, es ist aber eine Alge. Die kronleuchterartige Verzweigung und die spröde, brüchige Beschaffenheit der Pflanze, die durch Einlagerung von Kieselsäure zustande kommt, sind typisch für alle Armleuchteralgen.

Armleuchteralgen bilden ausgedehnte und sehr dichte Polster. An der Basis dieser Polster am Grund sterben die Algenteile ab. In dieser Region kann der Sauerstoff im Sommer aufgezehrt werden und es bildet sich Faulschlamm unter den Algenpolstern. Im "grünen Bereich" der lebenden Algen findet man oft massenhaft Wassermilben und Insektenlarven.


Algen bilden keine Blüten. Auf der grünen Pflanzengeneration wachsen die männlichen und weiblichen Geschlechtsgenerationen als kleine, gelbe und orange kugelige Gebilde.


Weitere Algen


Wenn wir schon bei der Armleuchteralge sind, kann ich hier auch gleich noch ein paar weitere Algen vorstellen:
Rotalgen

Rotalgen wachsen meistens an lichtarmen und kühlen Stellen. Nur wenige Arten leben im Süsswasser, ihre Hauptverbreitung liegt im Meer, wo sie eine grosse Artenvielfalt hervorgebracht haben und bis in Tiefen von über 100m gedeihen können. Zwei Rotalgenarten kann man aber mit etwas Glück und Kenntnis leicht in einheimischen Gewässern finden:

Krusten-Rotalge
(Hildenbrandia rivularis)


Bildet knallrote Flecken und Krusten auf Steinen. Die Alge wächst sehr langsam, die jährlichen Zuwachsraten sind als konzentrische Ringe sichtbar.

Froschlaichalge
(Batrochospermum moniliforme)

Perlenkettenartiges Aussehen, 2-5 cm lang, die "Perlen" bestehen aus winzigen Fadenbüscheln. Festgewachsen an Steinen oder Holz, oft in kalten Bächen oder Bachmündungen.

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Fädige Grünalgen
Schraubenalge
(Spirogyra sp.)

Ein Spirogyra-Polster im Zürichsee. Diese hellgrünen Algen sind in den letzten Jahren hier auffällig häufiger geworden. Sie treten ab April auf und verschwinden im Hochsommer wieder. Die Algen sind auch als einzelne Fäden oder kleine Flocken im Plankton zu finden. Oft bleiben sie in den Maschen von Fischnetzen hängen und können diese innerhalb von Stunden "zukleistern". Eigentlich wäre diese Alge eher in kalten, klaren Bergseen zu hause.


Astalge (Cladophora sp.)

Cladophora bildet verzweigte, dunkelgrüne Fäden, die in Büscheln zusammenhängen.

Schraubenalge
(Spirogyra sp.) bei 400 facher Vergrösserung

phyto9.jpg

Die Chloroplasten (Blattgrün) in den Zellen der Schraubenalge sind spiralig gewunden, daran ist die Gattung Spirogyra leicht zu erkennen.


Oben: Unter dichten Algeteppichen können sich Faulgase bilden, die bei Sauerstoffmangel unter dem Algenbelag entstehen. Der Auftrieb der Gasblasen führt zum Zerreissen der Teppiche und zum Aufschwimmen von Algenfetzen ("Krötenhäute"). Dieses Phänomen ist vor allem im Frühjahr zu beobachten, wenn die Fäulnistätigkeit der Bakterien im Boden zunimmt. Durch das Aufreissen der Algenteppiche gelangt dann wieder mehr sauerstoffreiches Wasser zum Boden und die Faulgärung nimmt ab.

Links: Von Algenbüscheln dicht überwachsene Holzpfähle im der Limmat.

In kühlen Bergseen wachsen Schleimalgen, die im Laufe von Jahren meterlange "Bärte" auf Holz und Steinen bilden. Die Schleimalgen zerreissen bei unachtsamen Flossenschlägen sehr leicht und die schönen Gebilde werden zerstört.

Gallertige Algenkolonien findet man oft auf frischem Holz oder auf Böden mit hohem organischem Gehalt. Manchmal wachsen solch kugeligen Gebilde auch auf Wasserpflanzen und können bei flüchtigem Hinsehen für Schneckenlaich gehalten werden.
Die gezeigten Bilder stammen vor allem aus dem Zürich- und Bodensee. Im Zürichsee hat die Pflanzenvielfalt und die Ausdehnung der Laichkrautbestände in den letzten 15 Jahren deutlich zugenommen. Zu Beginn meiner "Tauchkarriere" war schon ab 3-4m Tiefe kein Pflanzenwuchs mehr. Heute treffen wir Wasserpest, Nixenkraut und Armleuchteralgen bis in Tiefen von 10-12m an. Die grossen Laichkräuter wachsen aus Tiefen von 5-6m bis an die Oberfläche. Diese erfreuliche Zunahme der Pflanzenbestände ist auf den Rückgang der Algenmasse im Wasser zurückzuführen. Dadurch gelangt mehr Licht in grössere Tiefen und ermöglicht den Pflanzen auch dort unten das Wachstum. Der Rückgang der Algen wurde durch konsequente Gewässerschutzmassnahmen (vor allem die Reduktion der Phosphatfracht in den See) bewirkt. Die schönen Unterwasserwiesen, die wir heute z.B. im Zürichsee antreffen sind eine direkte Folge dieser Gewässerschutzbemühungen.

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