Patrick Steinmann

Gewässerbiologe, Stein am Rhein

Meeresbiologie

Coral Bleaching


Mittelfristige Zukunft der Korallenriffe


Über die Entwicklung der Korallenriffe nach dem Massensterben von 1998 kann nur spekuliert werden, weil ein so grossräumiges und verheerendes Ereignis bisher noch nie beobachtet wurde und daher keine direkte Vergleichsmöglichkeit besteht. Will man dennoch Vermutungen äussern, gibt es im Wesentlichen zwei Szenarien, die eintreten können:

Regeneration:

In den nächsten ein bis zwei Jahren wird man vielerorts beobachten können, wie sich wirbellose, krustenbildende Organismen (Schwämme, Kalkalgen, Röhrenwürmer, etc) in den Riffen breit machen, die toten Korallen überwachsen und mit Kalk "verbacken". Dies ist von grosser Bedeutung, weil dadurch die Riffstruktur vor Erosion geschützt wird und neu herangeschwemmte Korallenlarven auch später genügend Hartsubstrat finden, auf dem sie sich niederlassen können.

Einige Experten befürchten zwar, dass zu wenig Steinkorallen das Bleaching von 1998 überlebt haben könnten, um überhaupt noch genügend Korallenlarven für eine rasche Neubesiedlung zu produzieren oder dass sich die Korallenlarven in den mit Schwämmen und anderen Organismen überwachsenen Riffen nicht mehr durchsetzen können. Jedoch hat sich bei früheren Katastrophen in anderen Oekosystemen (z.B. Vulkanausbrüche, Oelpest, Waldbrände) oft und eindrücklich gezeigt, dass die Regenerationsfähigkeit eines Oekosystems krass unterschätzt wurde. Es hängt wohl stark von den Bedingungen ab, die nach dem Ereignis herrschen: Wenn sie eine Regeneration erlauben, reichen oft noch kleinste Restpopulationen aus, um einen Bestand wieder aufzubauen. Wenn man daher einer optimistischen Prognose glauben will, könnten nach zwei bis fünf Jahren an vielen Stellen wieder junge Steinkorallen zu finden sein, die innerhalb der nächsten zehn Jahre die Riffe wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit erblühen lassen. Bis die mächtigen Blockkorallen und die ganz grossen Tisch- und Geweihkorallen wieder bestaunt werden können, braucht es naturgemäss noch ein paar Jahre mehr. Voraussetzung ist natürlich, dass in diesem Zeitraum keine derart massiven Störungen wie 1998 auftreten und die Riffgebiete keinen anderen schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind (Wasserverschmutzung, Sedimentation, Übernutzung).


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Verkrustete Korallenskelette. 
Die toten Korallen werden mit Kalk von diversen Organismen "verbacken" und stabilisiert. Dadurch bleibt das Substrat für die Ansiedlung neuer Korallen erhalten.

(Foto: Juli 1998, 
Nord Male Atoll, Malediven)


Degeneration:

In Riffgebieten mit starker Abwasser- oder Sedimentbelastung ist zu befürchten, dass sich in erster Linie fädige Algen und Filterorganismen wie Schwämme und Ascidien ausbreiten werden. Dies erschwert die Ansiedlung von krustenbildenden Organismen und die veralgten Stellen sind ungeschützt der Erosion preisgegeben. Die Korallenskelette werden mit der Zeit zerbrechen und zu Sand zerrieben. Wenn keine stabilen Hartsubstrate mehr vorhanden sind, können sich aber auch keine neuen Korallen ansiedeln. Solche Riffgebiete werden daher noch stärker degenerieren und einige werden vielleicht ganz verschwinden. 


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Veralgte Korallenskelette.
Das Kalkgerüst der toten Koralle wird mit der Zeit auseinander brechen und zu Sand zerrieben. Hier können sich keine neuen Korallen ansiedeln.

(Foto: Juli 1998,
Nord Male Atoll, Malediven)


Und was ist mit den Fischen im Riff?


Nach dem Bekanntwerden der grossen Schäden durch das Coral Bleaching 98 wurden viele Tauchbasen und Tauchreiseveranstalter nicht müde zu betonen, die Fischfauna sei von dem Ereignis nicht betroffen und nach wie vor vorhanden. Tatsächlich scheint in den ersten Monaten nach dem Bleaching vielerorts keine auffällige Abnahme in der Fischfauna eingetreten zu sein. Dies mag damit zusammenhängen, dass viele Riff-Fischarten die Korallen vor allem als Struktur nutzen, d.h. als Deckung, Versteck oder Revier. Ob die Koralle dabei lebt oder nur noch als Skelett dasteht, betrifft diese Fische nicht direkt.

Indirekt sind aber die meisten Fischarten im Riff von lebenden Korallen abhängig. Das kurzfristige Fortbestehen der Fischbestände darf daher nicht zu der Annahme verleiten, das Korallensterben habe auf sie keine Auswirkungen. Es ist eher zu erwarten, dass sich die Bestandesdichten der einzelnen Arten verändern werden. Empfindliche und spezialisierte Arten dürften seltener werden, während ein paar opportunistische Arten zumindest vorübergehend häufiger werden könnten.  

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Clownfisch in einer völlig ausgebleichten Anemone. Clownfische und Anemonen gehören untrennbar zusammen. Wenn die Anemone stirbt, verschwindet auch der Fisch.

(Foto: Juli 1998,
Nord Male Atoll, Malediven)


Langfristige Prognosen


Um die langfristige Entwicklung von Korallenriffen zu diskutieren, müsste abgeschätzt werden können, wie häufig in Zukunft mit Anomalien wie 1997/98 zu rechnen ist und wie stark solche Ereignisse ausfallen werden. Wenn in den nächsten Jahrzehnten keine derart starke Störung auftritt, können sich sicher viele Riffe von den Schäden erholen.  Wenn sich Klimakapriolen aber in dieser Stärke innerhalb weniger Jahre wiederholen und langfristig zur Regel werden, ist es sehr fraglich, ob die Riffgebiete in ihrer heutigen Form und Ausbreitung bestehen können. Korallenriffe sind vielerorts bereits geschwächt durch lokale Einflüsse wie erhöhte Sedimentation infolge von Bautätigkeit an der Küste oder grossflächigen Waldrodungen im Landesinnern, Kontamination des Wassers mit Chemikalien aus Landwirtschaft und Siedlungsabwässern, sowie durch überbordenden Tourismus. Da braucht es nicht mehr viel an zusätzlichen Belastungen, um vielen Korallenarten endgültig die Lebensgrundlage zu entziehen. In der Folge könnten grossflächige Riffgebiete degenerieren und verschwinden. 

Eine andere Hypothese besagt, dass bei fortschreitender Erwärmung des Weltklimas die Riffgürtel sich verschieben könnten. Bisherige Riffgebiete würden teilweise verschwinden, dafür würden an Orten, wo bisher kein Riffwachstum möglich war, neue Riffe entstehen. Diese Hypothese wird aber als eher unwahrscheinlich eingestuft, da bisherige Erkenntnisse darauf hindeuten, dass sich das Klima nicht sukzessive und langsam ändert, sondern vor allem stärkere Extremwerte hervorbringt. Das ist für das Korallenwachstum nicht förderlich, denn Korallenriffe brauchen konstante klimatische Bedingungen. Ob sie sich nun innerhalb weniger Jahrzehnte an solche aprupten Temperatursprünge gewöhnen können, ist mehr als fraglich. Allenfalls können sich einzelne robuste Arten auf Kosten von empfindlicheren Arten ausbreiten. Das würde zu einer Verarmung der Artenvielfalt in den Riffen führen. 

Global müssen endlich wirksame Anstrengungen unternommen werden, um das Weltklima nicht immer stärker zu beeinflussen. Auch wenn bis jetzt nicht mit völliger Klarheit belegt werden kann, wie menschliche Emissionen auf das Klima wirken, ist es fahrlässig zu glauben, dass der heutige Umgang mit Emissionen keine weitreichenden Folgen für das Klima hat. 


Malediven, Mai 2001: Was hat sich verändert seit 1998?


Im Mai 2001 hatte ich Gelegenheit, mit einem Filmteam des Schweizer Fernsehens die Malediven wieder zu besuchen. Obwohl wir keine wissenschaftlichen Untersuchungen durchgeführt haben, liessen sich einige eindeutige Veränderungen seit Juli / August 1998 feststellen: An den Aussenriffen waren die meisten abgestorbenen Korallenstöcke bis in ca. 10m Tiefe zu massigen Stümpfen und Höckern "abgeschliffen". Lose Bruchstücke und Schuttflächen wurden an diesen Stellen selten gefunden. Die starke Strömung hat dieses Material wohl weggespült. Die Aussenriffe erschienen als sanft gerundete Hügel aus Korallenfels mit einem feinen Ueberzug aus Kalkalgen, Schwämmen, wenigen Fadenalgen und vielen inkrustierenden Wirbellosen. Erfreulich zu sehen war, dass sich auf diesen abgefegten Felsen sehr viele junge Steinkorallen angesiedelt haben (Ca 5-15 Individuen pro Quadratmeter). Ihre Grösse reichte von 3-5 Cm bis zu etwa15 Cm Durchmesser. Einem oberflächlichen Augenschein nach zu urteilen, handelte es sich dabei um eine Vielzahl verschiedener Korallenarten. Somit besteht Grund zur Hoffnung, dass sich die Maledivenriffe in ihrer ganzen Vielfalt erholen werden, zumindest an den Aussenriffen.

In grösserer Tiefe an den Riffabhängen fanden wir oft Stellen mit viel Korallenschutt, der von oben her die Riffhänge hinunter gerutscht war. Manche Korallen wurden davon teilweise überschüttet. Die Dichte und die Artenvielfalt der Steinkorallen nahm mit zunehmender Tiefe ab, dies ist aber normal und war schon vor 1998 so.

An Innenriffen und in Lagunen lagerte dagegen haufenweise loser Korallenschutt, Sand und Schlick. Diese Orte waren sehr stark von Fadenalgen überwuchert und es wurden praktisch keine jungen Korallen gefunden. Es bleibt abzuwarten, ob sich auch diese Gebiete wieder mit Korallen besiedeln werden. Im Mai 2001 sah es nicht danach aus.

Die Fischdiversität hat sich nicht wesentlich verändert, allerdings waren viele Arten seltener anzutreffen als früher. Generell hatte es weniger Fische, als man sich das von den Malediven gewohnt ist. Die Bestände dürften sich aber in den nächsten Jahren erholen, wenn die Regeneration der Riffe nicht gestört wird. 

Einen seltsamen Eindruck hinterliesen Riffe in der Region Male. Die Riffplateaus waren vielerorts fast flächendeckend mit grünen Riffascidien und Schwämmen überwachsen. Junge Steinkorallen waren selten anzutreffen. Sowohl Ascidien als auch Schwämme sind Filtrierorganismen und ihr dominantes Auftreten könnte auf einen erhöhten Nährstoffgehalt in dieser Region hindeuten. Die Region um Male erzeugt sicherlich die grössten Nährstoffrachten in den Malediven. Zusätzlich ist diese Region relativ schlecht vom offenen Meer durchflutet, so dass es durchaus zu grösseren Nährstoffansammlungen innerhalb des Atolls kommen kann. Dies ist für eine Wiederbesiedlung durch Steinkorallen nicht förderlich.


Quellen:


  • Brown B., Ogden J.C: Das Ausbleichen von Korallen. Spektrum der Wissenschaft, 3/93;84-89.
  • Brown B.: Coral bleaching: Causes and consequences. Proc 8th Int Coral Reef Sym 1:65-74.1997.
  • Goreau T.J. et al: Tracking South pacific coral reef bleaching by satellite and field observations. Proc 8th Int Coral Reef Sym 2:1491-1494. 1997.
  • Hoegh-Guldberg O.: Climate change, coral bleaching and the future of the world's coral reefs. The Coral Reef Research Institute, University of Sydney, 1999.
  • Karlo T.R.: Widespread coral reef bleaching as an indicator of global athmospheric warming. Environmental Earth Science, 11/93.
  • Kushmaro A. et al.: Bacterial infection and coral bleaching. Nature 380/4;396
  • NOAA Sea Surface Temperature survey: http://psbsgi1.nesdis.noaa.gov:8080/PSB/EPS/SST/retro.html
  • Schumacher H.: Korallenriffe: Verbreitung, Tierwelt, Oekologie. BLV Verlag München. 1976.
  • Ware J. R.: The effect of global warming on coral reefs: Acclimate or die. Proc 8th Int Coral Reef Sym 1:527-532.1997.
  • Wilkinson C. et al: Status of coral reefs of the world: 1998; www.aims.gov.au/pages/search/search-coral-bleaching.html