Patrick Steinmann

Gewässerbiologe, Stein am Rhein

Aquatische Neozoen

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Vermehrung ?

Offenbar sollen die Süsswasserquallen in Europa sich nur vegetativ im Polypenstadium vermehren können, da nur ein Geschlecht in unseren Gewässern lebt.


Süsswasserquallen - Craspedacusta sowerbyi

Die Süsswasserqualle Craspedacusta sowerbyi stammt aus dem Yangtse-Kiang Gebiet in China, und nicht wie vielfach vermutet aus Südamerika (Fritz et al, 2007). Sie wurde 1880 im Regent's Park bei London erstmals entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. Mittlerweile kommt sie in allen warmen - gemässigten Regionen der Welt vor.



Das durchscheinende Tier misst maximal 2 cm im Durchmesser. Am Rand des Schirms sitzen bis über 500 Tentakel mit Nesselzellen. In der Mitte befindet sich ein vierkantiger Magenstiel, der in vier Mundlappen ausläuft. Unter der Schirmglocke liegen ausserdem vier längliche Keimdrüsen (Hoden oder Ovarien). Die Meduse lebt an flachen Uferzonen, wo sie Kleinkrebsen und Rädertierchen nachstellt. Sie steigt immer wieder zur Wasseroberfläche auf und lässt sich dann wieder langsam absinken. Beim Steigen hängen die Tentakeln herab, beim Sinken richten sie sich auf. Die Quallen entwickeln sich ungeschlechtlich an einem winzigen, am Boden lebenden Polypen (Früher als eigene Art Microhydra ryderi beschrieben). Der Polyp wird 1 bis 2 mm lang und hat keine Fangarme, sondern nur einige Nesselkapseln um die Mundöffnung. Die Vermehrung kann auf 3 Arten erfolgen:

  • Querteilung und Abschnürung weiterer Polypen
  • Abschnürung von Gewebeteilen (Frusteln), die davon kriechen und wiederum zu Polypen werden
  • Aus Seitenknospen entstehen Medusen. Diese lösen sich mit 1 mm Grösse ab. Mit 9 mm Durchmesser werden sie geschlechtsreif. Sie erzeugen dann Eier, die im Wasser befruchtet werden. Daraus entwickeln sich Larven, die sich später festsetzen und zu Polypen heranwachsen.

Craspedacusta sowerbyi im Neuenburgersee

Im Juli des Hitzejahres 2003 traten die Süsswasserqualle im Neuenburgersee in einer windgeschützten Hafenbucht bei Estavayer auf. Die Fundstelle war ein sehr trübes, tümpelartiges Habitat mit einem dominierenden Potamogeton pectinatus Bestand, der von grösseren Lichtungen unterbrochen war. Die maximale Wassertiefe in der Bucht betrug ca 1.5 bis 2m. Es gab keinen konstanten Wasserzufluss vom Land her, jedoch gelangten bei Niederschlägen wahrscheinlich grössere Mengen Meteorwasser in die Bucht. Am Grund des Mündungsarms der Bucht lag am 4. Juli eine ca 0.7m mächtige Schicht kälteres, klares Wasser, das offenbar durch die herrschende Westwindlage vom See her in diesen Teil der Bucht gedrückt wurde. Der südwestliche Arm der Bucht war gegen die meisten Windrichtungen, vor allem aber gegen Westen gut geschützt, die Wasserbewegung und -umwälzung in diesem Teil waren minim. Am Westarm der Bucht fanden Bautätigkeiten statt, die wahrscheinlich einen mässigen bis hohen Schwebestoffeintrag in die Bucht verursachten. Rund um das Ufer der Bucht lagen Fischerboote. An einer Stelle standen Weiden direkt am Ufer, ihre Wurzeln waren teilweise unterspült. Der grösste Teil des Ufers ist hart verbaut, nur auf einer Länge von ca. 80m stand ein Schilfgürtel. Schwimmblattvegetation wurde keine angetroffen. Ausser P. pectinatus wurden noch Ceratophyllum, Fontinalis und ganz vereinzelte Exemplare von Elodea sp., P. lucens und P, crispus angetroffen. Gegen die Mündung zum See hin kam auch Najas marina in einzelnen Exemplaren vor. Die Wassertemperatur in den obersten 50cm betrug am 4. Juli 03 25.5°C.

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Ansicht vom Südostende der Bucht Richtung See.

Die grösste Anzahl Quallen (ca 1-2 Stück pro Kubikmeter) befand sich am 4. Juli 03 in der Gabelung der beiden Arme der Bucht. Vereinzelte Tiere wurden auch kurz vor der Seemündung angetroffen. Die Quallen befanden sich fast immer in unmittelbarer Nähe eines etwas isolierten P. pectinatus -Büschels. Im Freiwasser wurden praktisch keine Quallen gesehen und auch nicht im ganz dichten Pflanzenbewuchs. Alle Quallen befanden sich in Tiefen zwischen 10 und 50 cm. Meistens verharrten sie regungslos schwebend im stillen Wasser, die Tentakel schräg nach oben gerichtet. Erst bei Annäherung oder Wasserbewegung begannen die Quallen sich pulsierend fortzubewegen. Dabei schwammen sie ziemlich schnell zur Wasseroberfläche. Als sie diese erreichten, schienen sie jeweils kurz orientierungslos herumzutorkeln. Danach liesen sie sich bewegungslos wieder absinken. Die grössten Quallen hatten einen Schirmdurchmesser von ca 2 cm, die kleinsten knapp unter 1 cm. Die Geschlechtsorgane der meisten Quallen waren recht gross und deutlich zu sehen. Wir haben Pflanzenmaterial und einige Holzstücke gesammelt, um im Labor nach Polypen zu suchen - jedoch vergebens!

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Craspedacusta sowerbyi im Neuenburgersee. 4. Juli 03


Hälterung im Aquarium

Wir haben schnorchelnd 35 Quallen gefangen und nach Zürich gebracht. Alle Tiere haben den Fang und den Transport gut überstanden. Die Tiere wurden in Zürich ein 20 Liter Becken mit Zürichseewasser - Durchfluss (ca 5l/h) bei 25°C gehältert und mit Zooplankton aus dem See gefüttert. Während der folgenden 3 bis 4 Tage machten die Quallen einen etwas angeschlagenen Eindruck: Sie lagen vor allem am Boden herum und ihre Tentakel waren ziemlich zerzaust. In der folgenden Woche erholten sich die meisten Tiere und schwammen im Wasser herum. Zwei Wochen später starben die ersten Quallen, gefolgt von einer Sterbewelle 3 Tage später. Drei Exemplare lebten noch ca eine Woche weiter, dann starben auch diese. Polypen entwickelten sich im Aquarium keine - die Quallen haben sich also im Aquarium nicht sexuell vermehrt.


Quallen im Zürichsee

Es gibt sie also auch im Zürichsee! Im August 06 traten diese schönen Tierchen im Zürichsee in einer trüben, warmen Hafenbucht auf, einer ganz ähnlichen Situation wie unten für den Neuenburgersee beschrieben. In den Jahren 2007 und 2008 wurden keine Quallenaufkommen im Zürichsee beobachtet. Falls jemand irgendwo Süsswaserquallen findet würde mich eined ine kurze Mitteilung freuen!


Polypen von Craspedacusta

Im Sommer 2008 ist es mir endlich gelungen Polypenstadien der Süsswasserqualle zu finden. In einer Probe aus einem Teich in dem im Sommer 2007 Quallen auftraten fand ich nach mehrmaliger Suche unter dem Binok die winzigen Polypen (0.5mm) mit den typischen "Igelköpfen". Sie sassen in den Blattachseln einer Wasserpflanze.

oben: Dreierkolonie von Craspedacusta-Polypen. Beim linken Polyp sind die weisslichen Klebezellen (Glutinanten) im "Kopf" des Tieres sichtbar.

links: Craspedacusta-Polyp mit einer abgelösten Wanderfrustel (wurmartiges Gebilde unterhalb des Polyps) Die Frustel kann sich kriechend fortbewegen und sich an geeigneter Stelle zu einem Polypen entwickeln.

Drei Polypen und im Bildhintergrund eine kugelförmige Blase, aus der eine Qualle entsteht.


Weitere Infos über Craspedacusta sowerbyii

http://inatura.at/wissen/gem_9415.shtm

http://www.halophila.de/startseite/lexika/diverses/qualle/body_qualle.html

Fritz G.B., Schill R.O, Pfannnkuchen M. & Brümer F.: The freswater jellyfish Craspedacusta sowerbyii in Germany, with a brief note on its nomenclature. J. Limnol., 66(1): 45-49, 2007.


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