Patrick Steinmann

Gewässerbiologe, Stein am Rhein

Aquatische Neozoen

Schwebegarnelen

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Wo sind die Garnelen im Sommer?

Garnelenbeobachtungen während des Sommers sind besonders interessant, da bisher wenig über ihren Aufenhaltsort und ihre Populationsdichte bekant ist. Die dichten Schwärme bilden sich offenbar nur im Winter.

Ein Meldeformular für Eure Beobachtungen findet ihr hier.

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"Crevetten" im Bodensee...

Im August 2006 wurden im Bodensee bei Bregenz im Rahmen von Gewässeruntersuchungen erstmals „Schwebegarnelen“ entdeckt, durchsichtige, 1-1.5 cm grosse Krebschen, die in Ufernähe im Wasser oder in Grundnähe schwimmen und sich von winzigen Planktonorganismen ernähren. Die Heimat der Schwebegarnelen ist die Region zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. In Mitteleuropa kommen sie natürlicherweise nicht vor. Die 4-5 cm grossen Süsswassergarnelen, die man im Rhein oder im Gardasee findet, gehörten in andere Krebsfamilien und sind nicht mit den viel kleineren Schwebegarnelen verwandt.

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Die Schwebegarnele Limnomysis benedeni. Seit August 2006 im Bodensee

Nach dem Erstfund bei Bregenz im August 06 tauchten die Schwebegarnelen im Oktober 06 bereits bei Rorschach auf, wo sie sich stark vermehrten und den ganzen Winter in Massen am Ufer in 2 bis 8m Tiefe herum schwammen. Im Frühling 07 verschwanden die Schwärme wieder und den ganzen Sommer hindurch wurden nur ganz vereinzelte Exemplare gefunden. Im Herbst 07/08 begann der Garnelentanz von neuem und es bildeten sich wieder dichte Schwärme bei Rorschach. Beim Abtauchen in der Nacht schwirrten jeweils sofort abertausende dieser filigranen Tierchen im Lichtkegel der Tauchlampen. Im Schutz der Dunkelheit wagen sich die Tiere weiter ins offene Wasser hinaus und näher an die Oberfläche. Tagsüber schwimmen sie dicht über dem Grund über Wasserpflanzen, Hölzern oder Steinen. Im Bodensee sind sie bis in mindestens 33 m Tiefe zu finden, die grössten Dichten sind im Winter in 8-15m Tiefe.

Mittlerweile (Winter 2010) ist der der ganze Bodense und Untersee sowie auch die oberen Teile des Hochrheins besiedelt. Das Rätsel des plötzlichen Auftauchens der Garnelen jeweils im Herbst und ihr plötzliches Verschwinden im folgenden Frühling scheintoffenbar gelöst: An der Uni Konstanz wurde festgestellt, dass auch im Sommer junge Garnelen in grossen Massen im Wasser sind. Nur sind sie im Sommer noch zu klein um von blossem Auge als Garnelen wahrgenommen zu werden. Erst im Herbst erreichen die Tiere eine Grösse, bei der sie als Garnelen erkennbar sind. Im Frühling sterben die erwachsenen Tiere, die nächste Generation ist zwar schon da, aber eben wieder nur als winzige Jungtiere.

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Ein Grüppchen Schwebegarnelen (Limnomysis benedeni) tagsüber am Seegrund.
In der Nacht bilden die Tiere dichte Schwärme im Wasser und werden
vom Schein der Tauchlampen magisch angezogen.


...und auch im Genfersee!

Im Dezember 07 wurden auch im Genfersee „Crevetten“ entdeckt, die sich innerhalb weniger Wochen explosionsartig "vermehrten" und dichte Schwärme bildeten. Es handelt sich dabei ebenfalls um Schwebegarnelen aus dem Schwarzmeergebiet, allerdings nicht um dieselbe Art wie im Bodensee. Der wissenschaftliche Artname der „Bodenseegarnelen“ ist Limnomysis benedeni, während die „Genferseegarnele“ auf den Namen Hemimysis anomala hört. Die Fortpflanzungszeit der Schwebegarnelen ist eigentlich im Frühling und Sommer. Das plötzliche Auftauchen der grossen Schwärme im Winter ist daher noch ziemlich rätselhaft. Möglicherweise verteilen sich die Tiere im Sommer über einen grösseren Tiefenbereich und bilden nur im Winter Schwärme in Oberflächennähe.

Garnelenschwärme (Hemimysis anomala) im Genfersee. Bilder von Inge Feilhauer, Dez. / Feb. 07 / 08:

Hemimysis anomala im Genfersee
Hemimysis anomala im Genfersee
Hemimysis anomala im Genfersee
Hemimysis anomala im Genfersee


Gut oder schlecht?

Bei jeder Invasion von gebietsfremden Tierarten (Neozoen) stellt sich die Frage nach den Auswirkungen auf die betroffenen Ökosysteme und die Folgen für Mensch und Tier. Die Prognosen bewegen sich jeweils zwischen düsteren „Schreckensszenarien“ und unverhofftem „Segen für Mensch und Tier“. So gibt es auch bei den Schwebegarnelen Spekulationen, dass einige Fischarten nun einen reicher gedeckten Tisch vorfinden und künftig zulegen könnten. Genauso denkbar (und in mindestens einem Fall nachgewiesen) ist aber auch, dass die Garnelen das Kleinfutter der Waserflöhe wegputzen, und diese an manchen Orten deshalb zurückgedrängt würden. Jede neue Art führt zu Veränderungen in einem Lebensraum. Die Veränderungen können komplexe Folgeerscheinungen nach sich ziehen, die in einigen Fällen dramatisch sind, meistens jedoch unspektakulär, aber dennoch vorhanden. Der Rückgang der Wasserflöhe im oben erwähnten Beispiel hatte zum Beispiel am Ende auch Rückgänge bei Fischen zur Folge, die als Jungtiere halt eben Wasserflöhe als Nahrung brauchen und mit Schwebegarnelen nichts anfangen können...

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Portrait von Limnomysis benedeni mit ihren zu Filterrechen
umgebauten Mundwerkzeugen und Beinen.

Wir wissen schlicht noch viel zu wenig über die Auswirkungen von Neozoen in neuen Lebensräumen. Jeder neue Fall ist ein Lehrbeispiel, das uns neue Erkenntnisse ermöglicht. Deshalb seid ihr, liebe Taucher, wieder einmal aufgerufen, die Augen offen zu halten und eure Beobachtungen auch zu melden!

  • Wo hat es Garnelen?
  • In welcher Tiefe?
  • in welchen Mengen?
  • Zu welcher Tages- und Jahreszeit?
  • Sind sie in der Wassersäule oder eher am Boden?
  • Hat es dort Wasserpflanzen oder Steine oder sonstige Strukturen?

Solche einfachen Beobachtungen, die jeder Taucher machen kann sind über längere Zeit und von vielen Orten gesammelt von grossem Wert! Und wer sonst als die Taucher könnten besser feststellen was unter Wasser so alles abläuft?


Ein Meldeformular für Eure Beobachtungen findet ihr hier

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Limnomysis benedeni im Bodensee (Januar 08)


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